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Das Neapel Griechenlands

Von ktirakia

Das Neapel Griechenlands

Gibt man unter „Google.de“ die Suchoption „dreckigste Region Europas“ ein, erscheint zum aktuellen Zeitpunkt dieser Niederschrift (September 2010) an erster Ergebnisstelle Dublin als „Die dreckigste Stadt Europas“ angeführt, mit geringem Abstand gefolgt von Orten in der Ukraine (Tschernobyl), Russland und Kirgisien, wobei jedoch von Phänomenen wie verseuchten Böden und maroden Chemie- oder Reaktorbetrieben die Rede ist.

Wechselt man wegen der offenbaren Verwechselung der Begrifflichkeiten vom Adjektiv „dreckig“ zu „schmutzig“, so offenbart sich Athen als „die schmutzigste Metropole“ und London als „eine Zumutung für die Augen und Geschmacksnerven“.

Auch nach weiteren Recherchen unter vielfach variierter Keyword-Eingabe stößt man auf allerlei Berichte von fraglos beklagenswerten Zuständen, allesamt aber völlig andersartiger Natur, als jene, wie sie seit vielen Jahren (konkret seit 2004!) in der 8.000-Seelen-Gemeinde Gythio im wunderschönen mittleren Süden der griechischen Halbinsel Peloponnes herrschen. Es handelt sich hierbei um die garantiert dreckigste und am meisten verwahrloste Region von gesamt Europa.

Einzige Ausnahme in der Vergleichbarkeit macht(e) Italiens, wegen seiner Berge an unsortiertem Hausmüll berühmt berüchtigtes Neapel. Die Bilder davon gingen um die Welt. Höhepunkt war der Sommer 2008, als das italienische Militär zum Einsatz kam.
Weil der Region Campania keine Deponie für die die Aufnahme zur Verfügung stand, wurde seinerzeit in der süditalienischen Millionenmetropole wochenlang kein Abfall mehr beseitigt.
Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes Urteil vom 4. März 2010 (Rs. C-297/08) setzte den vorläufigen Schlusspunkt unter jenes konkrete Kapitel der unzureichenden Abfallbewirtschaftung in der Region Kampanien. Durch das Judikat des EuGH gehören diese verheerenden Zustände von Italien inzwischen der Vergangenheit an.

Aber: Europa hat ein zweites Neapel. Nur ist es viel, viel kleiner und es liegt im ohnehin gering geschätzten und kasteiten Griechenland, noch dazu im abseitigen Lakonien – als wäre dort die Unterdrückung von Bedürfnissen bis heute, wie einst in der Antike, eine gezielte Übungspraxis im Rahmen seelischer Selbstschulung. Im Mittelpunkt der Ausbildung des Staates der Lakedaimonier standen schließlich Abhärtung, Gehorsam und Askese. Einstmals unter dem gestrengen Lykurg wurden per Gesetzen und Verboten jegliche Luxusgüter und fremde Eindrücke unterbunden, die Köpfe der Bürger wurden gezielt durch tiefe Unwissenheit verfinstert, jegliche Reize wurden ihren Augen vorenthalten, keinerlei äußere Einflüsse fanden Zugang zu den Gemütern.
Die heutigen Einwohner dieser Region sehen fern – sehr viel sogar -, konsumieren jede Menge an Hochglanzbildern hyper gepflegter Motivik, haben vielfach auch schon mindestens eines der super sauberen bis geleckten mitteleuropäischen und sonstige Länder bereist – somit jede Menge Bilder in ihren Köpfen parat, wie es sonst wo auf der Welt und speziell in Europa aussieht und zugeht.
Und bei oder trotz alledem fristen Bürger einer Gemeinde innerhalb von Lakonien ihr Dasein in der Verwahrlosung und im Verfall, als würde Lykurg noch immer auf sie einwirken.

Nirgendwo sonst innerhalb Europas dürfte es derartige Anblicke und derartigen Gestank geben, wie in in dieser nachhaltig unbeachteten, vermaledaiten griechischen Gemeinde namens Gythio [griech. Γύθειο ].

Das Problem der mangelnden Abfallentsorgung besteht hier seit dem Jahre 2004 und jenem Stichtag, an welchem eine bis dahin kulante Nachbargemeinde Gythions ihre Pforten für deren Müllablagerung schloss. Das macht sechs Jahre leben mitten im Müll.
Plastiksäcke, prall gefüllt mit Unrat, von Maden übersäte, verwesende Schlachttierabfälle (Gerippe), gärende Gastronomie- und Haushalts-Essensreste, Sperr- sowie Elektromüll jeglicher Art, Verpackungsabfälle bis hin zu schadstoffhaltigen Abfälllen etc. lagern über viele Wochen hinweg tonnenweise an sämtlichen Ausfallstraßen entlang des per se so malerischen Hafenstädtchens Gythio sowie der umliegenden Ortschaften und der Landstraßen. Abtransporte finden zum aktuellen Zeitpunkt der Verfassung dieses Artikels (23.09.2010) in Zeitabständen von mehr als vier Wochen statt, auch dies jeweils nur von Teilmengen. Das führt vermehrt dazu, dass Bewohner von Dörfern ihre Abfälle an steilen Berghängen, in Flussbetten und Schluchten der gesamten Region ausbringen, so dass ganze Landschaftsbereiche aufgrund ihrer Unzugänglichkeit damit dauervermüllt sind.

Aber damit keineswegs genug. Insgesamt ist eine totale Verwahrlosung der malerischen kleinen Hafenstadt und der gesamten Gemeinderegion von Gythio in seiner Fläche von 197,3 km² gegeben.
Alle für sonstige europäische – auch sonstige griechische – Gemüter, unvorstellbaren Vernachlässigungen und defizitären bis mittelalterlich anmutendenen Zustände, die in der Stadt und der gesamten Gemeinde Gythio gegeben sind, lassen sich gar nicht in Worte fassen. Die damit verbundenen Gerüche schon gar nicht.

Wann bitte wird diesem Fleckchen Erde von Europa endlich jene mediale und sodann wohl auch politische Beachtung geschenkt, die es braucht, damit diesem seinem Elend ein Ende gesetzt wird? Der örtliche Gemeinderat ist zu korrupt, unfähig und gleichgültig, der griechische Staat insgesamt zu marode und die Regierung unter Papandreou zu sehr beschäftigt mit der vermeintlichen Krisenintervention, als dass irgendwelche Maßnahmen ergriffen würden. Bürgerinitiativen verliefen und verlaufen, wie auch die vermeintlichen Zuständigkeiten, schlichtweg im Sande.

Gythio gehört – wie einst Neapel – in die Schlagzeilen! Die Bilder von seiner Mittelalterlichkeit müssten endlich um die Welt gehen! Wofür taugt ein vereinigtes Europa, wenn man sich nicht untereinander Beachtung schenkt?
Dass man angesichts derartiger Konfliktsituation eine fehlende Umsetzung europäischer Vorgaben zulässt, kommt einer Kapitulation der europäischen Staatengemeinschaft vor den Missständen in einem Mitgliedstaat gleich. Ein starkes Europa verliert auch an Glaubwürdigkeit, wenn es die Versäumnisse eines Mitgliedstaates akzeptiert bzw. sich mit ihnen abfindet.

Geschrieben 28.09.2010, Geändert 30.09.2010, 3810 x gelesen.

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Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar von edy vom 13.10.2010 16:19:22

Zuerst sollte ja man vor der eigenen Haustür kehren. Aber in diesem Falle möchte ich mich auch zum Traumland Griechenland äussern. Leider ist der von ktirakia verfasste Bericht keine Seltenheit in Griechenland, mindestens in diesen Gegenden, wo ich war. Natürlich sieht man reichlich wenig(er), wenn man sich beim Strand und der Umgebung aufhält. Sobald der Weg ins Hinterland führt, wird es übler. Ebenso auf den Strassen zu den Bergdörfern oder durch Waelder muss man nur über den Strassenrand blicken. Da findet man alles. Der Mediamarkt könnte sein Lager von dort mit vielen Waschmaschinen, Kühlschränke etc. auffüllen. Ganze Sclafzimmereinrichtungen entdeckte ich auf Samos. Griechenland ist in der Tat eines der scmutzigsten Länder, dass ich je bereiste. Viele Besucher hörte ich dasselbe sagen. Nur schon beim nicht gerade geliebten Nachbar Türkei fand ich keine solche Verunstaltungen. Natürlich sieht man dort auch Plastiktüten und Petflschen, was schon genug schlimm ist. Aber Griechenland gehört zu Europa und spielt doch noch in einer höheren Liga (wie lange noch?)! Mich schmerzt es, ein Land und Leute in diesem Zustand zu sehen, speziell wenn man die Gegend viel und gerne bereist. Dass das an der Mentalität liegt, finde ich eine zu einfache Antwort. Griechenland betrieb offenbar nie ein Müllentsorgungskonzept. Man sieht das an den vielen offenen Deponien auf dem Festland und den Inseln. In Kreta hätte mit Geld aus Europa ein Entsorgungskonzept erstellt werden sollen. Offenbar nie geschehen. Griechische Aktivisten wurden sogar bedroht, als diese sich dafür einsetzten. Da stelle ich auch die Funktion der EU in Frage. Sicher gabs schon viel Geld aus Brüssel für die Entsorgung. Aber wie so vieles aus der Centrale versickerte irgendwo (in Lesbos fing man eine Winanlge an, aber ebeb nur angefangen). Offensichtlich werden solche Projekte nach dem gewährten Betrag als erledigt betrachtet. Anstelle einer hochgerüsteten Armee um sich gegen die bösen Türken zu schützen, wäre das Geld in eine saubere Umwelt besser investiert. Am wenigsten für die Touristen, viel mehr für die Bevölkerung. Vielleicht liegt es speziell in den Bergdörfern und armen ländlichen Umgebungen noch am Bewustsein. Vielleicht ist im Leben dort einfach (noch) kein Platz für die Natur. Dies sollen keine Entschuldigungen sein!! Auch mit den meisten Leuten, wo ich über das Thema sprechen wollte, erschien eine verdutzte Haltung. Ebenso zu Hause mit Griechischen Kollegen gab es bei denen meistens nur Kopfschütteln und beleidigte Reaktionen. Ok, eins muss ich auch erwähnen. Bei uns verwahrlost es leider auch immer mehr. Anstelle Abfallgebühren zu entrichten (was ja nichts kostet), wird der Abfall im Walde oder auf Autobahnraststätten entsorgt.
Bevor die Tiere auf die Alp getrieben werden, müssen zuerst die Kunststoffgegenstände, Kippenfilter und sonstiger Unrat weggeräumt werden und dies in unerträglichen Mengen. Natürlich spielt sich das auf einem anderen Level ab. Trotzdem ist dies auch eine riesen Schweinerei.
Ob es in Griechenland mit einem durchaus intelligentem Staatsmann Änderungen in dieser Hinsicht gibt, habe ich starke Zweifel. Er alleine kann es nicht und immer noch viel zu viele Politiker sind verfolgen andere Interessen.und jetzt noch mit dem Bankrotten Staat gibt es so oder so kein Geld für das oben erwähnte.


Kommentar von Karin 56 vom 10.10.2010 22:05:35

Endlich mal einer der das ausspricht was ich immer denke.Wie kann ein Land was immer sagt es habe der Welt das Licht gebracht so in ihren eigenen Müll ersticken.Ich bin gerade vor 4 Tagen aus Chalkidiki gekommen und ich hatte das Gefühl ich müsse ersticken im Dreck.Alles bitten an die Anwohner die Gegend sauber zu halten half nichts.Ich wohne dort 6 Monate im Jahr und es könnte so schön sein wenn die Menschen wie wir es tun ihren Müll sortieren müßten.Wann verlangt Europa endlich für Tüten und Flaschen Pfand ? Erst dann wird der Unrat von den Straßen verschwinden.


Kommentar von delphini vom 30.09.2010 12:07:50

Ich kann Deine Wut verstehen.

delphíni