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Steingeschichten - oder: Was Flusssteine alles erzählen können

Von Petros Milatos

Seit ich den Roman „Die Erben des Medicus“ gelesen habe, sammle ich Herzsteine. Irgendwie habe ich damals einen Blick dafür entwickelt, fast so etwas wie ein Wahrnehmungsraster. Wenn ich am Strand spazieren gehe oder im Flusstal, dann – Bingo – passt auf einmal so ein Kiesel ins Schema und ich habe wieder einen Herzstein mehr in meiner mittlerweile beträchtlichen Sammlung. Herzsteine sind was für die Seele. Nicht nur, dass jeder anders ist, schwerer oder leichter, größer oder kleiner, hell oder dunkel - jeder spricht irgendwie eine andere Seite meines Inneren an. Er spricht zu mir. Na, na, sagt ihr jetzt – sind doch nur Steine, klar, aber dass Steine auch was zu erzählen haben, weiß ich, seit ich zum ersten Mal einen Spaziergang im Flusstal von Xatzh gemacht habe.
Dort gibt es natürlich nicht nur Steine in Herzform.
Ab und zu treffe ich auch auf solche, denen man ansieht, dass sie irgendwann einmal in einem Haus eingemauert gewesen sein mussten. Die Form gleicht einem Kastenbrot. Meistens sind diese Steine von irgendeinem Mauermeister mal behauen und in diese Form gebracht worden. Sehr selten findet man Steine, die schon von Natur aus diese schöne regelmäßige Quaderstruktur haben. Aber auch die gibt es und ich habe noch selten einen liegen gelassen. So ein Stein beflügelt meine Phantasie. Wo er wohl herkommt? Wie entstand seine Form? Wer hat ihm die Form gegeben? Als ich mein erstes Steinbett gebaut hatte, war ich tagelang auf der Suche nach solchen Steinbroten. In so einem Bett aus Steinen liegt man sehr sicher und geborgen und die Steine um einen herum erzählen jeden Abend eine andere Gutenachtgeschichte..
Der Fluss bei Xatzh ist eine wahre Steinfundgrube!
Sein Steinbett ist gegen Abend oder früh am Morgen eine meiner Lieblingsstellen zum spazieren gehen . Manchmal setze ich mich auch nur mitten rein und lasse meine Blicke schweifen. Die Vielzahl an steinernen Formen um mich herum nehmen meine Aufmerksamkeit gefangen und es kann Stunden dauern, bis mir jeder von den steinernen Gesellen seine Geschichte erzählt hat. Einige wenige von ihnen sind meine Freunde geworden. So wie der Graue mit der Kuhle auf dem Rücken,in die mein Hinterkopf genau rein passt, und der mir so die ideale Stütze geworden ist , um im Bett zu lesen. Oder der rote Faustkeil, den ich, wäre ich ein Neandertaler, perfekt zu einer kleinen Axt verarbeitet hätte. Dann ist da noch die rosa Schuhsohle . Sie hat die perfekte Form einer Sohle mit der Schuhgröße 67, auch sie passt perfekt in eine Aussparung auf meiner Haustreppe, wo sie nun aufrecht neben der Haustür lehnt und jeden Besucher bittet, seine Schuhe auszuziehen – das tun das natürlich nur die, die die Sprache der Steine verstehen. Nanu? Ein Satz mit drei „die“!
Viele von den steinernen Gesellen sind im Laufe der Jahre mit mir zu meinem Haus und in meinen Garten gewandert. Meistens per Auto oder aber auch schon mal auf dem Gepäckträger meines Mopeds. Die Kameraden sind ganz schön schwer. So ein steinerner Kerl wiegt im Schnitt seine 12 – 15 Kilo, Herzsteine mal ausgenommen. Hochgerechnet habe ich bestimmt schon an die 6 Tonnen Steine aus dem Fluss geholt im Laufe der Jahre. 6000 Kilogramm! Das Tolle ist, man merkt es dem Flussbett überhaupt nicht an, dass die Steine darin fehlen! Es sieht genauso aus, wie es immer aussieht, nämlich immer anders. Nach jedem Winter hat sich der Fluss wieder einen neuen Weg gebahnt in seinem Riesenbett und die Wassermassen haben die ganze Steinordnung, falls es sie überhaupt geben sollte, wieder durcheinander gebracht. Viele sind verschwunden und mindestens genauso viele sind wieder dazu gekommen. Es ist jedes Jahr wieder ein neues , aufregendes Erlebnis, auf Steinesuche zu gehen. Ich bin jedes mal wieder gespannt auf die Neuen, die dazu gekommen sind. Jene, die sich gerne entdecken lassen wollen, ja geradezu aufreizend oben drauf liegen und zu rufen scheinen: „Hallo! Da bin ich! Bin ich nicht schön? Nimm mich mit!“ Andere, die im Verborgenen liegen, zugedeckt von anderen , die sich verstecken im Flusssand und ihre Formen vor Blicken verbergen, als ob sie Angst hätten, entdeckt und aus ihrer Wiege hervorgeholt zu werden. Bevor ich dies aber tue, rede ich mit ihnen. Ich fasse sie an, streichle sie, erfühle ihre Form, ihre Oberfläche, ihre Temperatur, ihre Struktur. Ich bilde mir ein zu spüren, ob der Stein will, dass ich ihn mitnehme. Erst dann, wage ich es , ihn in die Arme zu nehmen und ihn zu einem neuen Ort und zu einer neuen Bestimmung mit zu nehmen. Es gab auch schon welche, die sind mir aus der Hand geglitten. Meistens hatte ich Glück, doch ein paar Wenige schafften es , Bekanntschaft mit meinen Zehen zu machen. Sehr zur deren Nachteil. Die Botschaft ist eindeutig: „Ich will nicht! Lass mich hier, lass mich in Ruhe!“ Was ich natürlich respektiere.
Na so was, die Ouzoflasche war doch gerade noch ganz voll? Ich muss wohl in Gedanken gewesen sein...
Auf dem Tisch neben der Flasche liegt mein neuer Freund. Dunkel-anthrazitfarben mit einem blütenweissen Gürtel um seine fast makellose Kugelform. Ich bin heute Nachmittag geradezu über ihn gestolpert und hatte ihn vorher nicht gesehen. Natürlich habe ich das als Aufforderung verstanden, ihn mit zu nehmen. Und jetzt liegt er da und will mir weis machen, dass er doch ideal zu den anderen Kugelbrüdern auf der Galerie über dem Haupteingang passen würde. Ich werde ihm nicht widersprechen. Wenn Du unbedingt da hin willst, sollst Du Deinen Willen haben.!



„Steingeschichten“ ist das neueste Kapitel aus meinem Buch „Stille Tage in Xatzh“, www.xatzh.de/story/story.htm

Geschrieben 12.02.2013, Geändert 12.02.2013, 3264 x gelesen.

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Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar von delphini vom 15.02.2013 15:50:05

Hallo Petros,

als bekennender Steinfreak habe ich mich gerade über den sehr schön geschrieben Artikel gefreut! Muß mir mal die genannten Links näher anschauen...

Liebe Grüße
Silvia


Kommentar von Parthenonas vom 14.02.2013 12:36:31

eine wunderschöne Geschichte ! Bin ganz hin und weg :-)
das alles habe ich bei meinen Steinen - besonders bei meinen Herzsteinen - auch empfunden.
Karin


Kommentar von Katerina vom 14.02.2013 09:20:40

Hallo Petros,
deine Steinsucht kann ich gut nachvollziehen! Bloss muss ich mich immer beherrschen da wir ohne Auto in GR unterwegs sind.
In Lindau gibt es eine Teppichgalerie www.diegalerieteppiche.de/Steine.html. Der Inhaber sammelt auch Steine - genauer: Rheinkiesel, bearbeitet sie auch weiter. Die Kombination von Teppich und Stein ist faszinierend.

Katharina